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Rebellische Pracht – Design Punk statt Bauhaus

Kreis Herford -

Quasi-Modo im Marta
Daniel Weil / Gerard Taylor, Producer: Anthologie Quartett (since 1988), Quasi-Modo, 1987, Stuhl, Birke und Buche, lackiert, Leder, 82,5 x 39,5 x 51 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden – Archiv der Avantgarden, Foto: Richard Davis

Üppige Dekors, schrille Farben und ein ausgeprägter Experimentiergeist: In den 1970er und 80er Jahren rebellierte eine Generation von Gestalter*innen gegen die Nüchternheit des Funktionalismus. Als bewusstes Gegenprogramm zum 100-jährigen Bauhausjubiläum widmet sich das Museum Marta Herford mit »Rebellische Pracht« (26. Mai bis 1. September 2019) dieser zentralen Bewegung der postmodernen Designgeschichte, die in ihrer Radikalität bis heute verblüfft. In großem Umfang werden erstmalig Möbel, Leuchten und weitere Objekte legendärer Designer*innen wie u.a. Ettore Sottsass, Matteo Thun und Michele De Lucchi aus der Sammlung Anthologie Quartett (Bad Essen) präsentiert. Begründet von Michael von Jakubowski und Rainer Krause († 2013) befindet sie sich heute im Besitz der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden – Archiv der Avantgarden. 

Was sich in Italien mit dem Radical Design bzw. Anti-Design bereits in den 1960er Jahren andeutete, setzte sich in den beiden nachfolgenden Jahrzehnten mit Gruppen wie Memphis oder Alchimia und schließlich auch mit dem Neuen Deutschen Design fort: Als Gegenentwurf zu den schlichten Gestaltungsansätzen des Bauhauses wurde innerhalb dieser Gegenbewegung der Wunsch nach einer humaneren Gestaltung laut, die ein nachhaltiges Umdenken in Formgebung und Produktion forderte.  

Anhand von fünf Kapiteln können die Besucher*innen die verschiedenen Entwicklungsstufen dieser bahnbrechenden Designrevolution nachvollziehen. Im Zentrum der Lippold-Galerie steht die schillernde Neuinterpretation einer barocken Tafel, die auf 18 Metern Länge kuriose und aufsehenerregende Objekte der postmodernen Tischkultur präsentiert. Innerhalb des Themenbereiches Einzigartigkeit + Opulenz vermitteln die Objekte mit ihrer expressiven Formensprache oder schillernden Glasuren eine luxuriöse Opulenz – darunter sind u.a. Gläser von Bořek Šípek aus böhmischen Manufakturen und das Besteck »Posate Animate« (1983) von Riccardo Dalisi, das barocke Vorbilder zitiert.

Leuchte im Marta

Michele De Lucchi, Producer: Studio Alchimia, Sinerpica, 1980, Tischleuchte, Emaille, gelbe Glühbirne, 75 x 17 x 17 cm, Für die bau. haus art collection, Staatliche Kunstsammlungen Dresden – Archiv der Avantgarden, Foto: Marcus Schneider, Berlin

Innerhalb des Kapitels Banalität + Spiel wird die Umwidmung des Alltagsobjekts der 1980er Jahre in bunte, teils provokant-verspielte Objekte thematisiert, die der Monotonie des Inter-nationalen Stils bewusst etwas entgegensetzen wollten. Comics und Science-Fiction-Romane dienten als Inspirationsquelle für die Gestalter*innen, die den Objekten plötzlich lebendige Züge verliehen. Und selbst Robert Venturis quietschgelbe Kuckucksuhr »Cuckoo Clock« (1988) erscheint in schrillen Tönen und ist Ausdruck einer humor- und lustvollen Sinnlichkeit.

Dass das Dekor von Alltagsgegenständen zum festen Bestandteil der neuen Gestaltungsmerkmale wurde, verdeutlicht das Kapitel Oberfläche + Dekor: Nach jahrelanger Diskriminierung des Ornaments als nutzloses Beiwerk gewann es ab den 1970er Jahren vor allem im italienischen Design wieder an Bedeutung. So finden sich ausgefallene Muster dank des Laminatproduzenten Abet auf zahlreichen Möbeln, Krawatten oder anderen Alltagsgegenständen wieder. 

Mit der Transformation der strengen Bauhaus-Klassiker in »Redesigns« bewegen sich die Gestalter*innen zwischen ironischem Zitat + Widerstand. Das Design- und Architekturstudio Alchimia präsentierte zu Beginn der 1980er Jahre Kollektionen unter dem Titel »Bau. Haus«, die die Klassiker mit Kunststofflaminaten oder expressiver Formgebung ironisch erweiterten. Auch Michele De Lucchis Tischleuchte »Sinerpica« (1980) bediente sich den Formen ihrer funktionalen Vorgänger, weist aber mit einer stark erweiterten Farbpalette deutlich darüber hinaus.

Die ursprünglich von der Architektur kommenden ausgebildeten Gestalter*innen widmeten sich aufgrund mangelnder Bauaufträge in der Nachkriegszeit vorerst Einrichtungsgegenständen oder setzten sich theoretisch mit den Grundbedürfnissen des Lebens auseinander. Innerhalb des Kapitels Architektur + Erfindung werden Entwürfe vorgestellt, die oftmals an Gebäude erinnern – wie beispielsweise Matteo Thuns Vasen, die Assoziationen an Wolkenkratzer oder Leuchttürme hervorrufen. Ergänzt wird dieser Bereich durch die Entwürfe der postmodernen Bahnhofsapotheke von Lübbecke, die sich Apotheker und Designsammler Rainer Krause 1976 von Superstudio entwerfen ließ, bevor er 1987 mit Anthologie Quartett eine der wenigen deutschen Designfirmen gründete. Die Objekte von Anthologie Quartett sind immer noch in Bad Essen erhältlich.

Im Rahmen der Ausstellung kooperiert Marta Herford mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Gefördert wird sie durch den Materialsponsor Abet GmbH. 
(Text: Daniela Sistermanns – Museum Marta Herford)