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Der andere Flohmarkt

Der Mauerpark in Berlin ist ein ganz besonderer Flohmarkt.
Die „Tram 10“ Richtung Nordbahnhof, fährt uns zu der Haltestelle „Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark“. Hier erstrecken sich einige riesige Felder, die durch die herannahenden Menschenmassen, erahnen lassen, was hier jeden Sonntag zwischen 10 und 18 Uhr los ist.

Bildergalerie

Zunächst ist eine eingezäunte Rasenfläche zu erkennen, auf der sich zahlreiche Hunde tummeln. Davor, einzeln oder in Grüppchen, stehen Passanten und Musiker. Die Sänger und Gitarristen, Geiger und Akkordeonspieler musizieren wie Bands auf einem Open-Air Festival und verkaufen nicht selten neben ihren Live-Auftritten, auch ihre CD’s.

 

Wir gehen an einem Kiosk vorbei, vor dem eine Schlange von alternativ gekleideten Leuten steht, die sich einen Latte Macchiato oder einen warmen Snack holen wollen.Juliane zeigt Berlin

Und dann endlich: das Schild mit der Aufschrift „Flohmarkt am Mauerpark“. Durch ein geöffnetes Eisentor machen wir die ersten Schritte auf dem ungleichmäßigen Asphalt. Links von uns, eine Gärtnerei, die verschiedenste Pflanzen und kleine Blumen verkauft und immer wieder Sonderangebote zu bieten hat. Im Asphalt des Blumenhändlers eine Spur von Hundepfoten, die wohl entstanden sind, als dieser noch nicht ganz fest war und ein Hund unbemerkt darüber lief. Rechts von uns steht ein Stand, an dem frisch gepresster Saft in Flaschen oder Bechern verkauft wird. Dieser Geruch ist das erste, was einem in die Nase steigt, wenn man den Flohmarkt betritt. Hinter dem Stand gibt es selbst gemachte Kartoffelchips am Stil, die eine Menge Besucher anlocken. Wir gehen geradeaus, vorbei an dem Anmeldestand für die Verkäufer, die sich hier einmieten. Manche für ein Mal, andere regelmäßig.

Die Gebühren unterscheiden sich, je nachdem ob man für private Zwecke, gewerblich oder teilgewerblich mieten möchte. Gerade in den Sommermonaten reihen sich die Stände aneinander, an denen Studenten und junge Eltern ihre abgelegte Kleidung verkaufen.

Berlin MauerparkDarunter sind viele schöne Teile, die man nicht selten für 2-4 Euro erstehen kann, je nachdem wie geschickt man verhandelt. Besonders der Vintage-Stil ist hier sehr weit verbreitet, aber man findet auch tolle Basics, wie Strickjacken oder Pullover. Die Verkäufer geben sich große Mühe mit ihren Ständen, die oftmals aussehen, wie kleine Geschäfte. Die Teile sind z.B. nach Preis angeordnet oder der Stand ist liebevoll und kreativ dekoriert. Wir sehen ein Schild mit der Aufschrift: „Kauf 2, zahl 3 ;)“.

Im Sommer letzten Jahres hat mir eine junge Frau ein Sommerkleid für 1 Euro verkauft, das ich jedem stolz zeige. Beinahe hätte ich das Kleid vor schlechtem Gewissen hochgehandelt.

Ganz hinten befindet sich ein Stand mit alten Emailleschüsseln und Einmachgläsern, die jedes Sammlerherz höher schlagen lassen und einen in alte Zeiten zurückversetzten. Hier finden Leute mit handwerklichem Geschick richtige Schätze. Mein Freund und ich kaufen ein paar alte Fensterrahmen mit Patina. Zu Hause werden wir sie zu Fotorahmen umfunktionieren.

Berlin Mauerpark - der andere FlohmarktWir bezahlen und dürfen sie auf einem alten Anhänger ablegen bis wir den Markt verlassen. Als wir weitergehen, kommen wir an einem Stand mit Kisten voller Krempel wieder. Hier ist alles zu finden und es häufen sich Gläser auf alten Telefonhörern, die neben Puppen und sogar Besteck liegen. Arbeitet man sich durch eine der Kisten, muss man aufpassen, dass man die Teile nicht zerbricht. Ich brauche zwei alte Gläser, für die ich nicht allzu viel bezahlen möchte. Hier wende ich einen Trick an, der z.T. aus meiner Schüchternheit vorm Verhandeln entstanden ist. Ich frage nach dem Preis und sage dann erst mal gar nichts. Habe ich ein paar Sekunden skeptisch geguckt, bietet mir der Verkäufer von allein einen günstigeren Preis an und am Ende zahle ich 80 Cent für zwei Gläser und komme mir vor wie eine knallharte Geschäftemacherin. Es gibt uralte Bilder in schweren Rahmen und sogar Möbel zu kaufen, bei denen das einzige Problem darin besteht, sie weg zu transportieren. Die Mutter einer Freundin hat hier eine ganze funktionstüchtige Küche für 5 Euro gekauft. Die Besitzerin war so erschöpft vom Herumstehen und Verhandeln, dass sie sie ihr schenken wollte und „aus Prinzip“ das Geld genommen hat. Doch dieser geringe Betrag ist selbst hier eine Ausnahme.

In Schlangenlinien bewegen wir uns weiter durch die Gänge. Im Sommer wird es hier gegen Mittag sehr voll und ein wenig Geduld schadet nicht.

An der Ecke finde ich auf einem Kleiderständer einen niedlichen Rock, der anscheinend ungeschickt selbst genäht worden ist, aber doch Charme hat. Der Verkäufer will 12 Euro dafür haben. Das ist nicht sehr charmant und definitiv viel zu teuer für das Teil. Wir gehen weiter. Mein Freund mag die bedruckten Jutebeutel und die hübschen Kleider, die ebenfalls mit künstlerischen Motiven bedruckt sind. Er animiert mich, ein Oberteil zu kaufen, doch die Kleidung ist nicht gebraucht, da der Stand gewerblich ist und ich verliere das Gefühl für Preise. 25 Euro für einen wunderbaren Pullover ist mir hier, neben „3 Euro Kleidern“,  zu viel.

Im Laden würde ich es mir überlegen.Berlin Mauerpark

Immer wieder höre ich Leute, die völlig uneitel verhandeln und ganz klar sagen, wenn ein Preis zu hoch ist. Die Verkäufer bewegen sich zwischen hauptsächlich sehr fairen Leuten, die nur ihre Sachen los werden und ein bisschen Taschengeld verdienen wollen und ganz vereinzelt, Leuten, die den Eindruck vermitteln, richtigen Handel betreiben zu wollen. Sind die Sachen ohnehin günstig, handle ich nicht herunter. Sind sie viel zu teuer, lasse ich es sein, weil ich weiß, dass ich meiner Vorstellung nicht nahe kommen werde. Doch dazwischen gibt es viel.

Nicht fehlen dürfen die Stände mit den Postern und Magneten mit Berlin Motiven oder lustigen Sprüchen. Davon sieht man hier haufenweise und uns wird bewusst, wie sehr die Stadt hier gefeiert wird. Erst nach einiger Zeit werde ich meinen Tunnelblick los und sehe, wie unterschiedlich die Leute hier sind. Es gibt begeisterte Touristen, die über den Flohmarkt philosophieren und sich fröhlich und staunend beglückwünschen, ihn gefunden zu haben. Sie sind eher bereit, hohe Preise zu zahlen und verhandeln weniger. Dann gibt es noch die typischen „Prenzlauer Berg Familien“ mit Kind und Hund. Darunter mischen sich Gothikbegeisterte ebenso wie Punks und ganz schlicht gekleidete Leute.

Wir hören wie sich eine Frau bei einem der Verkäufer beschwert, dass auf einem seiner zum Verkauf angebotenen Shirts, ein Kind zu sehen ist, dass einen bewaffneten Mann an die Hand nimmt. Freundlich erklärt der Verkäufer der aufgebrachten Frau, dass es sich um ein pazifistisches Motiv handelt, da das Kind den Mann weg führt und dieser das Gewehr senkt und der Gewalt entsagt.

Wieder dringt Essensgeruch zu uns herüber. Diesmal orientalische Gewürze. Zwischen den vielen ständen, wird jede Menge Essen angeboten. Mich erstaunt, wir gut dieses ist. Kaum Fastfood, obwohl alle laufen und nur wenige sich setzen. Dafür viel türkisches Essen mit köstlichen Gemüsegerichten, die frisch in den Töpfen brodeln. Zudem gibt es frisch gebackenen Kuchen in allen Variationen und einen Stand mir einer unglaublichen Auswahl an Quarksorten, die man im Becher kauft und nach Belieben mit Obst oder Streuseln kombinieren kann. Ich mache mich auf zu meinen Lieblingsstand und bestelle einen vegetarischen Toast, den ich mir zu Hause warm mache. Die jungen Frauen erkennen mich bereits, wenn ich ankomme, weil wohl niemand außer mir einen kalten Toast bestellt. Heute fragt mich eine von ihnen skeptisch, ob mir das schmecke. Ich erkläre ihr, dass ich ihn zu Hause in den Ofen schiebe und alle Gesichter erhellen sich verstehend. Die Frauen wünschen mir einen schönen Sonntag.

Berlin MauerparkDie kleinen Schmuckstände sind überladen mit Broschen, Ketten, Ringen und Uhren in allen Variationen. Besonders beliebt: Das Eulenmotiv, das sich momentan durch die gesamte Stadt zu ziehen scheint. Auf allen Schals und Taschen ist es zu sehen. Das ist hier nicht anders.

Zudem gibt es hier einen Stand mit lauter Kleinkram wie Klebstoff oder Pflastern und allem was man im Haushalt so benötigt. Mein Freund verfällt in einen kleinen Rausch und überlegt bei jedem zweiten Gegenstand, dass wir diesen eigentlich brauchen können.

Drei Stände, die immer hier sind, sind die Bücherstände. Dort findet man eine Auswahl an Mängelexemplaren oder aufgekauften oder gebrauchten Büchern in wirklich gutem Zustand. Oft haben wir den Eindruck, in einem Buchladen zu stöbern, weil sich hier ein Bestseller neben den nächsten reiht, aber auch ein paar alte Bücher dort stehen. Freunde von Klassikern finden hier einigen Lesestoff, aber besonders wohl dürften sich die Krimi-und Thrillerfreunde fühlen.

Wir sind an der Sandinsel angekommen, wie ich den Fleck heimlich getauft habe, an dem eine Art Lounge aufgebaut ist. Hier wurde Sand aufgeschüttet und dazu ein paar Sitzgelegenheiten geschaffen. Drumherum gibt es weitere Essensstände und es herrscht eine gemütliche Atmosphäre zum Ausruhen, trotz der vielen Leute. Manche sitzen hier in Gruppen und entspannen einfach. Sogar bei Kälte macht das Sitzen hier Spaß.

Berlin MauerparkWir drängeln uns vorbei an den größer werdenden Menschenmassen. Vorbei an Lampenschirmen, Postkarten, noch mehr bedruckten Shirts. Ich empfehle jedem, möglichst früh zu kommen. Am besten gegen 10-11 Uhr weil es einen gewaltigen Unterschied macht, ob man entspannt bummeln kann oder kaum etwas sieht, weil die halbe Stadt sich auf dem Gelände aufhält. Wir gehen an dem Stand vorbei, an dem wir unsere Fensterrahmen gekauft haben, um sie abzuholen.

Während ich diesen Bericht schreibe, fallen mir unendlich viele weitere Dinge ein, die man über den Flohmarkt am Mauerpark sagen kann. Dass es auch Fahrradhändler gibt, dass man Blechdosen und Spiegel kaufen kann. Dass man Schuhe findet, so viele wie in keiner Shoppingmall. Wie sehr ich das bunte Gewimmel in den Wintermonaten vermisse, wenn der Asphalt, Asphalt bleibt. Wie man bis zur Eberswalder Straße Menschenmassen sieht, die sich auf den Park zu bewegen. Verrückt gekleidet. Zu zweit, zu Dritt. Wie wir unsere Freunde und Verwandte angeschleppt haben und gehofft haben, dass es ihnen genauso gefällt wie uns.

Doch am besten ist es, selbst dorthin zu gehen. Und den Flohmarkt am Mauerpark auf sich wirken zu lassen. Was auch immer einen interessiert-in jedem Fall nimmt man etwas für sich mit. ( Text und Bilder Juliane R.)